Pötzl

Bahrs Anstellung beim "Neuen Wiener Tagblatt" wurde stark durch den Herausgeber Wilhelm Singer erhalten und gefördert. Innerhalb der Redaktion war sein standing schlechter. Das deutet sich schon in dem Widerruf einer Bahr-ablehnenden Aussage an, den der Chef des Feuilletons Pötzl nach dem Prozess Bahr/Bukovics/Kraus veröffentlicht (veröffentlichen muss?)[1], das wird im Zuge von Bahrs Engagement für Klimt deutlich[2] - Bahr nimmt Pötzl auch in "Gegen Klimt" auf und dürfte - wenn man dem Zeitchronisten Karl Kraus vertraut – spätestens im Juni 1901 offensichtlich geworden sein:
Die Leser des 'Neuen Wiener Tagblatt' sind in den letzten Wochen völlig confus geworden. Stellt Herr Bahr eines Tages die Forderung auf, dass ein Sessel das innerste Wesen des Menschen ausdrücken müsse, so erklärt am folgenden Sonntag Herr Pötzl, dass solches Verlangen nicht nur unerfüllbar, sondern auch lächerlich, kindisch und im höchsten Grade albern sei. Wünscht Herr Bahr, dass die Leute endlich anfangen sollen, ein "lyrisches Leben" zu leben, so antwortet Herr Pötzl mit einer Hohnlache. Bringt Herr Bahr ein Feuilleton zum Abdruck, bei dessen Lectüre selbst der ältesten Leserin des Inseratentheils des 'Neuen Wiener Tagblatt‘ die Schamröthe in die Wangen schießt, so veröffentlicht Herr Pötzl unter dem vielsagenden Titel: "Lüsternheit. Eine Predigt in der Wüste" eine geharnischte Abkanzelung jenes Schriftthums, das mit "seinen Liebeleien die Oeffentlichkeit behelligt und seinen verworrenen, von jugendlichem Unverstand triefenden Empfindungen die Schutzmarke einer Weltanschauung anheftet". Und da Herr Bahr ein Rechtfertigungsfeuilleton geschrieben hat, in dem er nachzuweisen sucht, dass das Erotische das Um und Auf der dichtenden Jugend bilden müsse, findet Herr Pötzl es "überaus beklagenswert, dass das Zuchtlose gegenwärtig nicht bloß des stillen, sondern auch des lauten Beifalls sicher ist". … In unerschütterlicher "Objectivität" schwebt Herr Wilhelm Singer über solchem Zwist der redactionellen Meinungen: Schwein oder nicht Schwein, das ist hier die Frage. Ob’s edler im Gemüth, die Pfeil' und Schleudern wüthender Abonnenten erdulden oder Herrn Bahr die Thür weisen …[3]
Eineinhalb Jahre vor dem Abgang Bahrs aus dem N.W.T. gibt es noch eine Auseinandersetzung mit Pötzl, siehe August 1904, im November 1905, siehe dort, eine offene Kriegserklärung.
Literatur
[1] Neues Wiener Tagblatt und Fackel
[2] Fackel, #73
[3] Die Fackel, 3 (1901) #81, 9. (Ende Juni)
Die Texte Bahrs, auf die Kraus anspielt: Hermann Bahr: Durch Kunst zum Leben. Neues Wiener Tagblatt, 35 (1901) #90, 1-3. (2.4.1901)
Hermann Bahr: Orchideen. Neues Wiener Tagblatt, 35 (1901) #151, 1-2. (4.6.1901)
Hermann Bahr: Erotisch. Neues Wiener Tagblatt, 35 (1901) #169, 1-3. (22.6.1901)
Datum
Ereignistyp