Einleitung
In der „Summula“ von 1921 entwickelt Hermann Bahr neue Lesarten von kanonischen Texten aus den Bereichen Literatur und Philosophie. Seine Fragestellungen stehen unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs: Kann die Zeit einen „geistigen Führer“, einen „umfassenden Mann“ überhaupt noch hervorbringen, oder muss man sich - wie Ernst Cassirer - mit der Orchestrierung des übergroßen und heterogenen „Geisterchors“ bescheiden? Wo endet die Macht der Rationalität und wann muss sich der Mensch anderer Erkenntnismodi bedienen, wie müssten also die Bereiche von „Vernunft und Glaube“ aufgeteilt sein? Wie stellt sich der Nationalismus bei Goethe oder Dostojewski, wie der Gedanke der Demokratie bei Whitman dar? War Österreich jemals ein Staat oder bloß ein Herrschaftsgebiet, und worin liegt überhaupt der Unterschied zwischen Herrschen und Regieren? Die zwischen 1913 und 1921 verfassten Texte entwerfen so das Bild einer Gesellschaft, die sich ihre Reglements erst zu geben hat.
Bibliografie
Autor: | Hermann Bahr |
Titel: | Summula |
Ort: | Leipzig |
Verlag: | Insel |
Jahr: | 1921 |
Seiten: | 221 |
Anm.: | Im Nachlass Bahrs (Z M Ba 15) befindet sich eine, von der Zeitungsausschnittsagentur mit 1.5.1920 gestempelte, kurze Notiz. Diese dürfte höchstwahrscheinlich um ein Jahr falsch datiert sein, da der letzte Text erst im Winter 1921 abgedruckt wurde. Im Briefwechsel Bahr/Redlich ist es vom Herausgeber zweimal falsch datiert (416, 455), was der Herausgeber auch merken hätte können, weil Redlich es am 6. August 1921 in der Hand hat (457). |
Kritische Schriften
Band 17
Herausgegeben von Gottfried Schnödl Erschienen 2010 ISBN: 978-3-89739-660-9 VDG WeimarErstdrucke
An Redlich schreibt Bahr bei der Zusammenstellung von "Summula" und "Bilderbuch", die im September 1920 erfolgt:Kaum zurück, brachte ich zwei Bände gesammelter Essays in Ordnung, die diesen Winter oder wann der Herr Setzer eben zu wollen die Gnade haben wird, erscheinen sollen: ein etwas kunterbuntes "Bilderbuch" und ein gedrängtes, das die zehn besten Aufsätze der letzten zehn Jahre unter dem anmaßend bescheidenen Titel "Summula" enthält.(Bahr/Redlich, 424).
Seiten | Titel / Erstdruck |
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5-28 | Epimenides. Die neue Rundschau, 27 (1916) #3, 1346-1361 |
29-52 | Geisterchor. Als "Über Ernst Cassirer" in: Die neue Rundschau, 28 (1917) #11, 1483-1499 |
53-112 | Vernunft und Glaube. Vernunft und Wissenschaft. Innsbruck, Wien, München: Tyrolia 1917 Als "Vernunft und Wissenschaft" in: Vernunft und Wissenschaft. In: Österreichische Leogesellschaft, Hg.: Die Kultur. Jahrbuch für Wissenschaft, Literatur und Kunst. Band 18. Wien, Innsbruck: Tyrolia 1917, 34-70. Auszug in: Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde., 20 (1918) #7, 414-415. (1.1.1918) |
113-135 | Pascal. Als "Blaise Pascal" in: Hochland, 17 (1920) #2, 276-290 Als "Blaise Pascal" in: Salzburger Chronik 63 (1920) |
136-150 | Dostojewski. Dostojewski. Drei Essays von Hermann Bahr, Dmitri Mereschkowski, Otto Julius Bierbaum. München: Piper 1914, 1-26 |
151-166 | Walt Whitman. Als unbetiteltes Vorwort in: Walt Whitman: Ich singe das Leben. Leipzig 1919, 5-14 Als "Der gute graue Dichter vom fischförmigen Paumanok" in: Neue Erde, 1 (1919) #15, 247-250 Prager Tagblatt, 31.5.1919 Die neue Rundschau, 30 (1919) #5, 555-564. |
167-171 | Vorbarock. Erweiterte Fassung als "Denkzettel" in: Das neue Österreich, 3 (1918) #6 (September), 45-48. |
172-177 | Barock. Vossische Zeitung, (1920) #53, Abend-Ausgabe, 2-3. (29.1.1920) |
178-184 | Österreichische Musik. Vossische Zeitung, (1920) #335, Morgen-Ausgabe, 2-3. (7.7.1920) |
185-202 | Das Österreichische Problem. 1 Als "Das österreichische Staats- und Reichsproblem. I" in: Preußische Jahrbücher, 183 (1921) 1-13 |
203-221 | Das Österreichische Problem. 2 Als "Das österreichische Staats- und Reichsproblem. II" in: Preußische Jahrbücher, 183 (1921) 145-158. |
Rezensionen
Stefan Zweig in: Das Tage-Buch, 2 (1921) #2, 1507. The Times Literary Supplement, 20 (1921) #1028, 622. (29.9.1921) M. Enzinger in: Das Neue Reich, 4 (1921) #10, 181-183. (4.12.1921) Otto Gründler: Dilettantenphilosophie. In: Hochland, 19 (1921) #3 (Dezember), 373-374. Felix Langer in: Berliner Tageblatt, 51 (1922) #248, Morgen-Ausgabe, 4. Beiblatt, 1-2. (28.5.1922)
Kommentiertes Inhaltsverzeichnis
- Epimenides
- Bahr sieht gerade im anfänglichen Abseitsstehen Goethes die Bedingung für dessen "tiefes" Erkennen der ganzen Bedeutung, aber auch der Gefahren des "deutschen Sieges" über Napoleon, wie sie sich im Epimenides ausspräche.
- Geisterchor
- Von dem Befund ausgehend, dass es - anders als noch vor 100 Jahren - heute keinen Menschen gäbe, der in Wissensbelangen universelle Autorität besäße, nennt Bahr einige Männer, denen er eine solche Stellung eigentlich zutrauen würde. Besonders eingängig beschäftigt er sich mit Ernst Cassirer, in dem er nicht die Stimme der Zeit, wohl aber denjenigen erkennt, der deren Vielzahl aufeinander bezöge und orchestriere.
- Vernunft und Glaube
- Jeder Denkakt setzt einen Punkt voraus, den er nicht mehr einholen, an den er "glauben" muss. Diesen Gedanken spielt er nun v. a. anhand von Kant und Goethe durch, dessen Geniebegriff in dieser Frage besondere Bedeutung zukomme.
- Pascal
- Pascal gilt Bahr als schlechtes Beispiel elitären, hochmütigen Glaubens. Im Streit zwischen Pascal und den Jesuiten stellt er sich daher auf die Seite letzterer.
- Dostojewski
- In Dostojewskis Romanhelden erkennt Bahr so etwas wie den bloßen Menschen, das, was übrig bliebe, wenn man den Verstand abzöge. Dieses Modell legt er auch auf die "Nation" Dostojewskis um.
- Walt Whitman
- In der freien Selbstüberhebung Whitmans erkennt Bahr keinen Narzissmus, sondern vielmehr die Voraussetzung für jede Verbindung mit dem anderen. Wieder interessiert Bahr dieses Modell auch auf der Ebene des Staates, genauer der Demokratie.
- Vorbarock
- Bereits in Karl IV. sei das Barock angebrochen, in seinem "übernationalen" Wesen, seinem Versuch, in "den Kaiser auch noch den Papst hineinzunehmen". Der Umschlag komme mit dem Humanismus und Nationalismus, die parallele Erscheinungen seien.
- Barock
- Bahr glaubt das Zeitalter des Barock heute ungerechterweise vernachlässigt, ahnt (und hofft) aber bereits, dass es wieder Mode werde, und versucht einige Paradigmen des barocken Stils und Denkens aufzulisten.
- Österreichische Musik
- In "Bruckner, Hugo Wolf und Mahler" sei Österreich, das monarchische, zu seinem "letzten großen Ausdruck" gelangt.
- Das österreichische Problem. I
- Unter Zuhilfenahme des Buches "Das Österreichische Staats- und Reichsproblem" Josef Redlichs versucht Bahr die Stationen des österreichischen 'Abstiegs' zu zeigen.